Sonntag, 23. März 2008

Kassandra von Christ Wolf

Die Griechen haben es nach zehn Jahren geschafft, die Mauern Trojas einzunehmen. Während nur Aineias, der Sohn des Anchises, mit einigen wenigen entkommen konnte, wurden König Priamos und viele andere Männer getötet, die Frauen verschleppt.
Eine dieser Frauen - nein, nicht irgendeine, sondern eine ganze besondere, erzählt nun ihre Geschichte: Kassandra, die Seherin, die den Untergang der Stadt schon lange zuvor vorhergesagt hat und der niemand glauben wollte. Kassandra, die den Krieg verdammte und auf die niemand hörte.
Kassandra weiß, dass sie bald sterben wird - Klytaimnestra, die Frau des Königs Agamemnon, wird zuerst den Gatten und dann die troische Prinzessin und ihre Kinder töten. Mit dem Tod vor Augen, beginnt sie sich zu erinnern: An den Vater, deren Lieblingskind sie einst war und der sie am Ende aus dem Kreis seiner Familie stieß, weil sie ihn immer wieder vor dem Krieg mit dem Griechen warnte. An die herrische Mutter, die den Vater immer kontrollierte, bis er schließlich in die Fänge böswilliger Berater geriet, die ihn auch gegen die Gattin aufbrachten. An Polyxena, die von den Männern begehrte, beliebte Schwester, die so anders war als die einsame Kassandra und die schließlich von den Griechen verschleppt wurde, um Achill geopfert zu werden, weil Kassandra es nicht über sich brachte, sie vorher zu erstechen.

Auch an ihre Geliebten Aineias, den Vater ihrer Kinder, den sie nicht begleiten konnte oder wollte, als er rechtzeitig aus der Stadt floh.
Christa Wolfs Erzählung hält einige Überraschungen bereit: Anstelle von großen Helden gibt es Achill (Achill das Vieh, wie Kassandra ihn nennt), der den Jüngling Troilos noch in das Heiligtum verfolgt und dort - entgegen den göttlichen Gesetzen - auf obszöne Weise tötet. Hektor, der Erstgeborene des Königs, ist alles andere als ein großer Kämpfer, vielmehr wird er in die Rolle des trojanischen Helden gedrängt, weil es der Propaganda des hinterlistigen Eumelos entgegen kommt.
Vor allem Helenas Rolle ist verblüffend anders: Denn die spartanische Schönheit ist nicht vorhanden. Paris raubte sie, nur um sie dann in Ägypten an einen anderen zu verlieren. Trotzdem halten die Trojaner den Schein aufrecht, sie würden die Gemahlin des Menelaos verstecken, um einen Vorwand für den Krieg zu haben, den sie so dringend führen wollen.
Nur Kassandra erkennt, dass ein Krieg, der auf Lügen basiert, nur ins Unglück führen kann. Mit ihren Visionen und Voraussagen, aber auch ihrer Neugier und ihrem unerschöpflichen Willen, hinter allem die Wahrheit zu suchen, macht sie sich zuletzt ihre eigene Familie zum Feind.

Das Gewicht ihres eigenen Wissen und ihrer Erkenntnis treibt sie schließlich in den Wahnsinn und sie entmenschlicht sich selbst: Monatelang lebt sie wie ein Tier, physisch und psychisch eine Gefangene.
Trost und Freundschaft findet sie nur langsam bei Menschen wie Marpessa, der Tochter ihrer Kinderfrau, die bis zuletzt bei ihr bleibt und sich um ihre Kinder kümmert; der Amazone Myrine; Anchises, dem weisen Vater ihres Geliebten und einer Ansammlung von mehr oder weniger seltsamen, verschrobenen Frauen, die einen Großteil ihrer Zeit außerhalb der Stadt in Höhlen wohnen und die Göttin Kybele anbeten.
Dort bringt sie auch schließlich ihre Zwillinge zur Welt, kurz bevor die Griechen das berühmte Pferd vor den Mauern Trojas zurücklassen und die Geschichte ihr trauriges Ende nimmt...
Während des gesamten Buches wird immer deutlicher, dass Kassandras Gabe, zu "sehen" ein Fluch ist - wenn man die einzige ist, die sieht.

Oft fehlen Kassandras Fragen die Fragezeichen - denn sie hat inzwischen gelernt, dass die Menschen ihre Fragen nicht beantworten werden oder können, weil sie nicht willens sind, sich umzusehen und zu verstehen, über sich selbst nachzudenken. Und daran scheitern König Priamos und seine Anhänger schließlich: an den Lügen, die sie sich selbst erzählt und so zur Wahrheit gemacht haben. Der Sog dieses Lügengebäudes ist bei seinem Umsturz so gewaltig, dass er auch die mitreißt, die die Wahrheit gesehen haben - wie Kassandra.

Noch alles, was mir widerfahren ist, hat in mir seine Entsprechung gefunden. Es ist das Geheimnis, das mich umklammert und zusammenhält, mit keinem Menschen habe ich darüber reden können. Hier erst, am äußersten Rand meines Lebens, kann ich es bei mir selber benennen: Da von jedem etwas in mir ist, habe ich zu keinem ganz gehört, und noch ihren Hass auf mich hab ich verstanden.
Ich mache die Schmerzprobe. Wie der Arzt, um zu prüfen, ob es abgestorben ist, ein Glied ansticht, so stech ich mein Gedächtnis an. Vielleicht dass der Schmerz stirbt, eh wir sterben. Das, wäre es so, müsste man weitersagen. Doch wem? Hier spricht keiner meine Sprache, der nicht mit mir stirbt. Ich mache die Schmerzprobe und denk an die Abschiede, jeder war anders. Am Ende erkannten wir uns daran, ob wir wussten, dass es an den Abschied ging. Manchmal hoben wir nur leicht die Hand. Manchmal umarmten wir uns. Aineias und ich, wir haben uns nicht mehr berührt. Unendlich lange, scheint mir, waren seine Augen über mir, deren Farbe ich nicht ergründen konnte.

Man zwingt sich, an etwas zu denken - sich zu erinnern -, um zu sehen, ob es noch weh tut; ob man überhaupt noch fühlen kann.


Das hab ich lange nicht begriffen: dass nicht alle sehen konnten, was ich sah. Dass sie die nackte bedeutungslose Gestalt der Ereignisse nicht wahrnahmen. Ich dachte, sie hielten mich zum Narren. Aber sie glaubten sich ja. Das muss einen Sinn haben. Wenn wir Ameisen wären: Das ganze blinde Volk stürzt sich in den Graben, ertränkt sich, bildet die Brücke für die wenigen Überlebenden, die der Kern des neuen Volkes sind. Ameisengleich gehen wir in jedes Feuer. Jedes Wasser. Jeden Strom von Blut. Nur um nicht sehen zu müssen. Was denn? Uns.
Der eigene Horizont ist eben auch immer nur auf die eigene Person beschränkt.

Demütigend war es mir, dorthin um Auskünfte zu gehn, die der Palast mir verweigerte. "Verweigerte" habe ich lange gedacht, bis ich begriff, dass sie nicht verweigern konnten, was sie nicht hatten. Dass sie die Fragen nicht einmal verstanden, auf die ich Antworten suchte und die, mehr und mehr, meinen innigen Zusammenhang mit dem Palast, mit meinem Leben zerstörten. Ich merkte es zu spät. Das fremde Wesen, das wissen wollte, hatte sich schon zu weit in mich hineingefressen, ich konnte es nicht mehr loswerden.

Wahn-Sinn als Ende der Verstellungsqual.

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